Der Richmodisturm am Neumarkt

Zurück zur Übersicht

Zwei Pferdeköpfe erzählen eine unglaubliche Geschichte

Der achteckige Richmodisturm am Kölner Neumarkt zieht immer wieder staunende Blicke von Besuchern auf sich, die neben der Architektur vor allem die zwei weißen Pferdeköpfe bestaunen, die aus dem Turm heraus über die Stadt hinweg zu blicken scheinen. Hinter diesem ungewöhnlichen Fassadenschmuck verbirgt sich eine Legende.


Die Richmodis-Sage: Eine Wiederkehr

Mitte des 14. Jahrhunderts wurde Köln wie viele Städte Europas von der Pest heimgesucht. Die Krankheit holte sich einfache Arbeiter ebenso wie reiche Bürger, Bettler genau wie Adelige. Im Jahr 1357 fiel Richmodis von Lyskirchen, die geliebte Ehefrau des Bürgermeisters Richolf Mennegin von der Aducht, der Pest zum Opfer. Sie wurde auf dem Friedhof der St. Aposteln am Neumarkt bestattet, zusammen mit kostbarem Schmuck wie ihrem Ehering. Den Totengräber packte angesichts dieser teuren Beigaben die Gier und er grub Richmodis in der folgenden Nacht wieder aus. Davon wachte die Frau, die nur scheintot gewesen war, plötzlich auf. Während der völlig erschrockene Gräber floh, begab sich Richmodis nach Hause. Das Entsetzen unter den Dienern war groß, hielten sie die heimgekehrte Hausherrin in ihrem Totenhemd doch für einen Geist. Als der Bürgermeister über die Rückkehr seiner kürzlich bestatteten Gattin unterrichtet wurde, antwortete er: „Das ist unmöglich, eher würden meine Schimmel oben auf dem Heuboden stehen!" In jenem Moment hörte er, wie sechs Schimmel leibhaftig die Treppe hinauf trampelten und aus dem Dach hinausschauten. Nun war der Bürgermeister überzeugt und hieß seine Frau willkommen, die noch einige Jahre lebte und Kinder gebar. So lautet die Legende, die man in Köln als Richmodis-Sage kennt.


Köln lebt seine Legende

Der Richmodisturm gedenkt dieser Legende. Mit den beiden Pferdeköpfen, um ganz genau zu sein den Köpfen von zwei Schimmeln, erinnert das Gebäude auf kunstvolle und dabei zugleich durchaus humorvolle Weise an die Ereignisse, die sich angeblich vor vielen Jahrhunderten in Köln zugetragen haben. Die Richmodis-Sage gehört zur Stadt Köln wie die exklusive Mineralwassermarke "Köln ist ein Genuss". Im 19. Jahrhundert führte der Kölner Männer-Gesang-Verein, der seit 1842 existiert, eine Oper zur Sage auf. Der bekannte Kölner Musiker Wolfgang Niedecken widmete der Legende um die Schimmel auf dem Heuboden den Song "Zwei Päädsköpp ahm Nümaat". Die Kölner wissen gute Geschichten wie gutes Mineralwasser einfach zu schätzen.


Der Richmodisturm als Sehenswürdigkeit

Der Richmodisturm steht nicht nur für sich allein am Neumarkt. Er gehört zum Richmodishaus, dessen Geschichte mit allen Vorgängerbauten bis ins Mittelalter zurückreicht. Richmodis und ihr Ehemann, der Bürgermeister, haben aber vermutlich nie direkt dort, sondern in der Nähe gewohnt. Zwischen 1508 und 1510 errichtete Nicasius Hackeney an der Stelle des heutigen Richmodishauses im Auftrag des Kaisers Karl V. eine prächtige Anlage mit einem achteckigen Turm, die meist als "Nicasiushof", aber auch als "Cäsarenpalast" bezeichnet wurde. Im 19. Jahrhundert errichtete ein Mann namens Joseph Felten dort das kleinere, aber immer noch beeindruckende Richmodishaus, in dem 1838 der Komponist Max Bruch zur Welt kam. 1928 wurde das Gebäude zu einem Geschäftshaus umgebaut, jedoch im Zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört. Dabei verbrannten auch die beiden Pferdeköpfe. Wann sie erstmals angebracht worden waren, ist nicht bekannt, früheste Erwähnungen stammen aus dem 17. Jahrhundert.

Nach der Zerstörung folgten der Wiederaufbau und mehrere Phasen der Renovierung. Die heutigen Pferdeköpfe am Richmodisturm wurden im Jahr 1958 gestaltet und angebracht. Heute steht der Turm unter Denkmalschutz und soll der Stadt noch lange erhalten bleiben. Mit seinem Verweis auf eine sehr alte Sage, aber auch seiner Geschichte von Veränderung, Zerstörung und Wiederaufbau ist der Richmodisturm ein Teil der Kölner Folklore. Er lädt dazu ein, sich mit der Geschichte der Stadt, ihren Mythen und Geheimnissen, zu befassen. Natürlich ist er auch einfach ein wunderschönes Bauwerk mit zwei Pferdeköpfen, die über die Stadt blicken.